Die altorientalischen Kirchen


Fremd und faszinierend erscheinen die altorientalischen Kirchen, wenn westliche Christen einen Besuch in Ägypten, Äthiopien, Eritrea oder in Syrien und Armenien machen und den Glauben und die Liturgie der dortigen Christen erlebt haben. Durch die zahlreichen Flüchtlinge bei uns wird diese Tradition aber auch hier vor Ort wieder lebendig.

Um die Tradition dieser sehr alten Kirchen zu verstehen, muss man sich kurz ihre Entstehung vor Augen führen. In den ersten Jahrhunderten der Kirche gab es verschiedene Patriarchatssitze, die alle durch einen ganz bestimmten theologischen und liturgischen Stil geprägt waren. Diese Sitze waren in Jerusalem, Alexandria (Ägypten), Antiochien (Syrien, heutige Türkei), Konstantinopel und Rom. Die Kirchen, die wir heute als altorientalische Kirchen bezeichnen, nahmen ihren Ausgang vor allem von Alexandria und Antiochia. Dementsprechend sind sie heute vor allem in Ägypten, Äthiopien, Eritrea, aber auch in Syrien, Armenien und bis nach Indien präsent. Offiziell gehören zu den altorientalischen Kirchen: die äthiopisch-orthodoxe, die armenisch-apostolische, die eritreisch-orthodoxe, die koptisch-orthodoxe, die syrisch-orthodoxe und die Malankarisch-orthodoxe Kirche (Indien) sowie die assyrische Kirche des Ostens (heute im Irak). Es sind die christlichen Kirchen, die derzeit der größten Verfolgung ausgesetzt und in manchen Gegenden geradezu vom Aussterben bedroht sind.

Was die altorientalischen Kirchen kennzeichnet, ist ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein, das sich auf die Theologie und die Liturgie auswirkt. In den Auseinandersetzungen um die Person Jesu Christi heben sie besonders den göttlichen Aspekt des Sohnes hervor. Außerdem sind sie stärker als andere Christen vom jüdischen Erbe geprägt. In der Liturgie herrschen eine große Vielfalt und Lebendigkeit vor. Sie ist durch zahlreiche Hymnen, Lieder und Tänze geprägt, so dass die Gottesdienste sehr lange dauern können. Die Ikonenverehrung spielt hingegen eine untergeordnete Rolle (anders als in der byzantinischen Kirche). Insgesamt versteht man den Gottesdienst als Widerschein der in den Himmeln gefeierten göttlichen Liturgie.

Spirituell sind altorientalische Christen von der Frömmigkeit der ersten christlichen Jahrhunderte geprägt und man spürt den Einfluss der Wüstenväter: Fasten, Gebet, asketische Praktiken und die Orientierung am Mönchtum sind kennzeichnend. So kennt man noch die altchristlichen Fastenpraktiken (Verzicht auf alles Tierische) und lange Fastenzeiten (sechs Wochen vor Ostern und Weihnachten). Vieles, was uns heute fremd erscheint, kann als lebendiges Zeugnis für das frühe Christentum verstanden werden. In keinen Kirchen ist das Erbe der Alten Kirche so bewahrt worden wie in den altorientalischen Kirchen.